Dienstag, 10. Juli 2018

EiNaB #28 - Warum Dogmatismus uns nicht weiterbringt



Dogmatismus ist nicht unbedingt die beste Herangehensweise, wenn es darum geht, sich mit einem Thema zu beschäftigen - in jeder Hinsicht und egal, um welches Thema es sich handelt. Ich denke, die meisten unter uns können dieser Aussage zustimmen. Doch was ist Dogmatismus eigentlich?

Es gibt verschiedene Verwendungsweisen dieses Begriffes (unter anderem in der Theologie und in der Philosophie), in denen Dogmatismus nicht unbedingt mit negativer Konnotation gebraucht werden muss. Wir möchten diese (teilweise doch recht komplizierten und differenzierten) Gedankengänge hier aber außen vor lassen und uns mit derjenigen Definition beschäftigen, die uns allen wahrscheinlich geläufig ist:

Thomas Metzinger: Dogmatismus ist: „die These, dass es völlig legitim ist, an einer Überzeugung festzuhalten, einfach deshalb, weil man sie ja schon hat – die pure Tradition, ohne empirische Evidenzen und ohne vernünftige Gründe."


Halsstrarriges Verhalten, auf Deutsch gesagt, das ist Dogmatismus in dem Wortgebrauch, der uns hier interessiert.


Vor einigen Wochen habe ich mit einigen Bekannten über die emotionale Härte, die manchmal im Umgang von "grün" lebenden Menschen und solchen, die sich vielleicht noch nicht so detailliert mit einer nachhaltigen Lebensweise beschäftigen, vorherrscht, geführt. 

Man bekommt - so der Konsens, den wir im Verlauf des Gesprächs fanden - gelegentlich den Eindruck, es werde eine Art Krieg geführt. 

Bekommt das eigene Umfeld (oder auch gerne die breite anonyme Masse, die unter Online-Artikeln bei Facebook kommentiert) mit, dass man sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt, können die Ansprüche an die eigene Person auf einmal nicht hoch genug angelegt werden. Mit der Folge, dass eigentlich immer ein Haar in der grünen Suppe gefunden wird. 

Doch auch gerade unter Menschen, die nachhaltig leben beziehungsweise sich um ein solches Leben bemühen, gibt es - manchmal offensichtlich, manchmal eher unterschwellig - diesen Konkurrenzgedanken. Ein wenig anders gelagert, aber dennoch ähnlich.

Wer ist mehr öko? Wer macht sich die meisten Gedanken um die Welt, wer ist am aufopferungsvollsten bezogen auf die globale Zukunft? Wer zieht das ganze Ding mit der Nachhaltigkeit am konsequentesten durch? 

Dieses Verhalten ist Gott sei Dank längt nicht onmipräsent und gerade die Nachhaltigkeits-Blogger*innen sind hervorragend untereinander vernetzt. Häme und Missgunst findet man selten, dafür umso mehr Support und gegenseitige Motivation, sich stets noch ein wenig mehr in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen. Die Voraussetzung? Dass man selbst soweit ist.

Das, finde ich, ist genau das, was Bloggen im Idealfall auszeichnen sollte: konstruktiver Meinungsaustausch - Menschen unterschiedlichster Geisteshaltung, die miteinander ins Gespräch kommen, sich unterstützen und weiterhelfen. 

In der erwähnten Kommunikation mit Zeitgenoss*innen, die sich nicht oder nur wenig mit Nachhaltigkeit beschäftigen (möchten), findet man diese Form des Umgangs unter Umständen nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit vor. 

Und manchmal auch nicht bei sich selbst.

Von Respekt und Weltoffenheit


Vor einigen Tagen erreichte mich eine Mail von einer lieben Leserin, in der sie schrieb, dass sie sich über einen produktiven Austausch mit mir freuen würde - denn ich mache einen undogmatischen Eindruck, da traue sie sich, endlich auch einmal zu fragen bei Unsicherheiten.

Ich war zugleich unwahrscheinlich glücklich und zum anderen sehr traurig über diese Mail. Glücklich, weil ich jemanden so erreicht habe mit dem, was ich hier schreibe, dass diese Person sich den Mut gefasst hat, mir eine Mail zu schreiben und mich um Rat zu fragen. Das ist eine große Ehre und bereitet mir viel Freude.

Traurig, weil das scheinbar alles andere als selbstverständlich ist.

Dogmatismus (immer noch) ein großes Thema zu sein.

Und - machen wir uns nichts vor: Das macht verdammt unsympathisch. Wer interagiert und kommuniziert gerne mit verstockten Besserwissern, die jeden der Handgriffe, die man tut (oder nicht tut) kritisch beäugen, vielleicht sogar noch herablassend kommentieren von ihrer Warte der Erfahrenheit aus?



Natürlich möchte man andere für seinen Lebensstil begeistern, den man (natürlich und vollkommen selbstverständlich) als den am besten für sich und alle anderen Menschen geeignet findet, wenn man sich anschaut, was in der Welt abgeht und überhaupt. Den man vielleicht gerade neu für sich entdeckt hat und den man motiviert in die Welt hinaustragen möchte.

Das kann ich vollkommen verstehen - mir geht es schließlich ganz genauso. Wenn man eine Vision hat - und ich möchte behaupten, dass alle, die vegan und/oder in irgendeiner Weise nachhaltig leben, irgendeine Form der Vision einerbesseren Welthaben, wie auch immer sie aussehen mag -, dann möchte man andere dafür begeistern. Das ist okay - solange es nicht in Oberlehrerhaftigkeit und Meckertum ausartet.

Denn - ganz ehrlich: Ich habe, so toll und wohl und superdupernachhaltig und weltverbessernd ich mich selbst in meinem Leben auch fühle und wie wunderbar ich mir das alles um mich herum eingerichtet habe, ich habe nicht das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Das möchte ich ja umgekehrt auch nicht.

Wäre jemand, der vielleicht den Lebensstil pflegte, den ich mir heute angeeignet habe, vor einigen Jahren bei mir vorbeigekommen, hätte sich mich und meinen Haushalt, mein Einkaufsverhalten angeschaut, bedauernd mit dem Kopf geschüttelt und mir dann meine ganzen Fehler aufgezählt - ich hätte ihn umgehend rausgeschmissen. Mental und physisch. Und ich denke, das würde ich heute auch noch tun. Und ich verurteile niemanden, der so auf Menschen reagiert, die ihm oder ihr von heute auf morgen ein ganz neues Wertesystem überstülpen wollen.

Das hat viel mit gegenseitigem Respekt zu tun. Und so schwer es manchmal auch fällt: In einigen Situationen muss man sich zusammenreißen. Nicht nur um des zwischenmenschlichen Frieden Willens, sondern auch aufgrund einer ganz logischen und pragmatischen Überlegung:

Deinem eigentlichen Ziel - andere Menschen für deine Lebensweise zu begeistern - wirst du mit einer halsstarrigen Kommunikationsweise nicht näherkommen.


Besserwisserei - mit böser Intention des Sich-Aufwertens - hat bereits in der Schule dazu geführt, dass man beinahe unter Garantie ausgeschlossen wurde. Das ist eben nicht besonders sympathisch.  



Niemand bekommt gerne sein eigenes Wertesystem mit dem Vorschlaghammer bearbeitet und in Grund und Boden geredet.

Abgesehen davon - was sagt so eine Vorgehensweise eigentlich über dich aus? Möchtest du ein offenes, respektvolles und darum vielleicht auch inspirierendes Individuum sein, das in fruchtbaren kommunikativen Austausch mit anderen Menschen tritt? Oder möchtest du von erhobener Warte aus kommentieren, was andere - die Unwissenden, die nicht-wissen-Wollenden - da unten fabrizieren?

Natürlich rege ich mich über Plastikmüll auf und über die Leute, die gedankenlos Kaffee aus Wegwerfbechern schlürfen, einfach, weil es so hipp und cool ist. Natürlich kriege ich graue Haare, wenn ich durch die Einkaufspassage gehe und mir Berge an bunten Plastiktüten entgegenkommen. Natürlich werde ich sauer, wenn ich höre, dass Fleisch prinzipiell gegessen wird, "weil's halt geil schmeckt".

Das alles entspricht nicht meinen Idealen, meinem Blick auf die Welt. Aber ich muss trotzdem respektieren, dass es auch andere Blicke auf dieselbe Welt gibt.

Das heißt nicht, dass ich es akzeptieren muss - das ist etwas vollkommen anderes. Aber das heißt, dass ich nicht das Recht habe, anderen so nahe zu treten und ihre innersten Überzeugungen gewaltsam nach außen zu kehren - nur weil ich die neuen, die ich im Gepäck habe, für die besseren halte.

Ich kann zum Nachdenken anregen, durch gutes Beispiel vormachen - lehren und lernen, im produktiven und kreativen Austausch. Inspirieren, inspiriert werden. Dazu gehört nicht nur das Drauflospalavern, sondern mindestens genauso das Zuhören - so ungeduldig wir dabei manchmal auch sind und so gerne wie ein "Ja, aber" dazwischenwerfen würden.

Kommunizieren beginnt beim Dialog - beim Austausch zwischen zwei oder mehr Menschen, nicht beim Belehren eines Menschen durch einen anderen. Das ist ein Monolog. Und der wird schnell ziemlich langweilig.


Entspanntheit - anderen und dir selbst gegenüber


Es gibt ein treffendes Wort für dogmatisches Festhalten, das die Rückspiegelung auf die betreffende Person ziemlich gut bewerkstelligt: "Spaßbefreitheit".

Auch hier gilt: Das muss nicht immer der Fall sein. Doch ich erlebe es häufig, dass gerade die Menschen, die glauben, für sich das ideologische Utopia gefunden zu haben (auf welcher Seite des Flusses sie damit auch stehen mögen), mit einem Ernst bei der Sache und beim Leben dabei sind, dass mir etwas bange wird, wenn ich ehrlich bin.

Gelgentlich beobachtet man Verbissenheit, Strenge - nicht nur den anderen, auch und gerade sich selbst gegenüber. Und da möchte ich fragen: Wo bleibt denn da der Spaß, die Freude? Am Experimentieren, am Erleben, am Leben?


Und: Ist das nicht essentiell? Die Leidenschaft, mit der wir die Dinge angehen, der innere Antrieb, immer wieder Neues kennezulernen und vielleicht auch zu adaptieren? Und manchmal auch fünfe gerade sein zu lassen - wenn die Umstände es nicht anders ermöglichen? Verbauen wir uns das nicht durch zu viel Dogmatismus, durch zu viel Strenge mit uns selbst und anderen? Muss das sein?


Ich glaube, dass grünes und nachhaltiges Leben alles andere als zwanghaftes und halsstarriges Klammern an einer wie auch immer gearteten Utopie sein kann - und muss. Muss, wenn man - wenn du und ich - andere Menschen erreichen, begeistern wollen für die guten Dinge, die wir entdeckt haben und von denen wir überzeugt sind.

Denn letzten Endes wollen wir doch alles dasselbe, oder? Dass unsere Welt noch lange, lange weiterexistiert und wir nicht diejenigen sind, die sie zerstört haben. Dass wir das Ruder noch herumreißen. Dass wir in einer besseren, weil wieder nachhaltigeren Welt leben können - wir und alle, die nach uns kommen.

Arbeiten wir daran. Offen und ehrlich und repektvoll.



Dieser Beitrag wurde von Jenni verfasst.


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Kommentare:

  1. Danke für den guten Post.
    Ich ertappe mich immer wieder, wie ich auch dogmatisch werde. Nicht absichtlich, sondern wenn man meine Entscheidung kritisiert oder als komisch kommentiert.
    Wenn ich dann von der gleichen Person anschliessend, als dogmatisch abgestempelt werde, ist das für mich ziemlich schwierig.
    Die Erklärung von ihr, sie wolle nur, dass alle Möglichkeiten als Optionen akzeptiert sind.
    Ich finde es wirklich ein schwieriges Thema.

    Danke für die Denkanstösse

    Eva

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  2. Hallo Jenni, hallo Eva,
    das sind wirklich tolle Gedankenanstösse, denn mir fällt auch immer wieder auf, dass man ja nur das blanke Gegenteil erreicht, wenn man den Leuten vorschreiben will, ob und wie viel Fleisch sie essen, wie viel Müll sie produzieren, welchen Stromanbieter sie wählen sollen usw. Ich denke auch, dass jeder eine ganz andere persönliche Ausgangssituation hat und manche haben sich vielleicht gerade die allerersten Gedanken gemacht, dann sollte man sie unterstützen statt sie abzuschrecken.
    Was mir noch einfiel zur Bloggerszene: ich finde auch, dass von hier viel Unterstützung und tolle Anregungen kommen - und gerade dafür soll ja auch unsere EiNaB-Sammlung gut sein. Aber vielleicht müssen wir alle noch besser werden, auch unsere eigenen Fehler und Probleme zu thematisieren statt nur die Teilerfolge? Oder dass es manchmal auch verschiedene gute Lösungen und Wege in eine nachhaltige Zukunft gibt statt nur die eine? Aber ich meine, das fällt mir auch nicht leicht :-)
    Viele liebe Grüsse in die Runde,
    Marlene

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